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Banken werten ihre Einheiten in Frankfurt auf

Personalberater beobachten steigende Nachfrage nach Führungskräften ‑ Anforderungen der Regulierer

Mit dem Austritt des Vereinigten Königreichs aus der EU am 31. Januar gewinnt in international tätigen Banken die Verlagerung von Aufgaben von London auf den Kontinent an Dynamik. ,,Wir nehmen wahr, dass verschiedene Einheiten wie beispielsweise Kontrollfunktionen in Frankfurt aufgewertet werden und in diesem Zuge Personal gerade auch auf den obersten Leitungsebenen aufgestockt oder upgegradet wird‘‘, sagt Matthias Fritton, Berater bei der international tätigen Personalberatung Spencer Stuart: ,,Es werden mehr und mehr Führungskräfte mit Vorstandsniveau gesucht.‘‘

Manche Prognose zu hoch

Seit vielen Monaten gehen zahlreiche Prognosen um, wie viele Arbeitsstellen im Finanzgewerbe wohl in Frankfurt durch den Brexit neu aufgebaut werden. Die Schätzungen variieren zwischen einigen wenigen Tausend bis hin zu deutlich mehr als 10000. Gerade gegenüber den aus Frankfurter Sicht sehr optimistischen Ausblicken ist zuletzt der Zweifel gewachsen. Bei den Prognosen sei ,,sicherlich manche Größenordnung, die ins Gespräch gebracht worden ist, zu hoch gegriffen‘‘, sagt Fritton.

Er erinnert daran, dass sich angesichts von Verschiebungen politischer Entscheidungen und der damit einhergehenden Unsicherheit viele Institute Zeit gelassen haben, bevor sie Fakten geschaffen haben.

Institute haben abgewartet

,,Lange Zeit haben Banken und Finanzdienstleister viele Entscheidungen über die personelle Aufstellung an ihren EU-Standorten aufgeschoben und zunächst einmal die politische Entwicklung abgewartet‘‘, so Fritton. Zwar kam es zu der ein oder anderen Verschiebung von Arbeitskräften. Denn regulatorische Anforderungen seien zwar korrekt umgesetzt worden – ,,aber nicht mehr‘‘. Der Spencer-Stuart-Berater verweist darauf, dass schließlich noch im vergangenen Herbst ,,ja politisch alle Optionen denkbar waren‘‘. Entsprechend komplex sei seinerzeit die Entscheidungsmatrix gewesen. Die meisten Banken hätten sich damals, was die Verlagerung von Einheiten auf den Kontinent angeht, auf das regulatorische Minimum beschränkt.

,,Das ist mittlerweile anders‘‘, stellt Fritton fest. Seit Dezember 2019 sei allen klar, dass der Brexit stattfinde und dass es wahrscheinlich auch nach 2021 keine ungeregelte Beziehung zwischen dem Vereinigten Königreich und der Europäischen Union geben werde. ,,Deshalb denken die Banken jetzt verstärkt wieder darüber nach, was operativ und vor allem geschäftlich für sie im aktuellen Umfeld sinnvoll ist.‘‘ All das bedeute, so fasst Fritton zusammen, dass die Auslandsbanken in Frankfurt im Zuge des Brexit Personal aufbauen werden.

Dass dabei verstärkt auch Arbeitskräfte für die oberen Etagen gesucht werden, habe nicht nur mit dem mittlerweile etwas anderen strategischen Ansatz der Banken zu tun, sondern auch mit Forderungen der Aufsicht. ,,Denn die Regulierungsbehörden verlangen von in der Europäischen Union tätigen Banken, dass sie die Kontrolle ihrer Geschäfte mit Management innerhalb der EU organisieren‘‘, sagt der Spencer-Stuart-Fachmann. Das betreffe beispielsweise die Risikofunktionen, Compliance, aber auch die Informationstechnologie. So müssten zum Beispiel Back-up-Systeme innerhalb der EU installiert sein und funktionieren.

Umworbene Top-Kräfte

,,Die Bankenaufseher bestehen darauf, dass es physisch innerhalb der Europäischen Union in den Häusern Manager gibt, die Controlling oder IT et cetera steuern. Oder auch Risikovorstände, die genug Durchsetzungskraft innerhalb der Hierarchie einer Bank haben, um den Händlern, Coverage-Bankern und Front-Office-Managern auf Augenhöhe begegnen zu können‘‘, macht Fritton deutlich. Der Markt dieser Top-Führungskräfte sei eng und umkämpft – ,,und da kommen unsere Netzwerke ins Spiel‘‘.

Hessens Finanzminister Thomas Schäfer hatte bereits 2019 vor der Illusion gewarnt, dass durch den Brexit eine Völkerwanderung von Bankern aus London nach Frankfurt ausgelöst werde. Das sieht auch Fritton so: ,,Wenn Auslandsbanken Personal in Frankfurt aufstocken, bedeutet das nicht unbedingt, dass Banker von der Londoner City in den Taunus umziehen - zumal es nach wie vor schwierig ist, Londoner zum Wechsel nach Frankfurt zu bewegen.

Auch andere Executive-Search-Experten bestätigen diese Erfahrung: ,,Viele genießen es, in der Weltstadt London zu leben und nehmen dafür auch hohe Preise und lange Wege in Kauf‘‘, heißt es in der Branche. Inoffiziellen Schätzungen zufolge ist nur ein Drittel der von Personalberatern angesprochenen Bank-Führungskräfte zu einem Standortwechsel nach Deutschland bereit.

Bemerkenswerterweise verhielten sich demgegenüber Bankaufseher aus ganz Europa, was den Standortwechsel angeht, ziemlich flexibel. Das könne man in der EZB und ihrem Aufsichtsarm SSM beobachten.

Der Kampf um Talente – und noch mehr um Führungspersonal – finde besonders intensiv auf den Feldern Regulierung und Digitalisierung statt, berichtet Fritton. Spencer Stuart gehe dabei im langfristigen Ausblick optimistisch davon aus, dass der Finanzplatz Frankfurt ,,als einer der großen Finanzplätze in der EU weiter gestärkt wird‘‘.