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Plädoyer für radikale Kooperation

Was Staat und Privatwirtschaft nach der Corona‑Krise tun sollten

1. Das Verhältnis von Staat zu Wirtschaft wird sich ändern

Wirtschaftskrisen haben das Zeug, Gesellschaften zu verändern. Für den globalen Finanzsektor war seine Krise 2009 in vielfacher Hinsicht ein Paradigmenwechsel. Zuvor war das Verhältnis zwischen den Beteiligten, Managern in den Banken auf der einen Seite und Politikern wie Beamten auf der anderen Seite, im besten Fall von Distanz geprägt. Kaum ein Entscheidungsträger in Berlin interessierte sich für den Finanzsektor und seine Spieler. Nähe zu Banken wurde als schädlich im Wahlkreis wahrgenommen. Kaum jemand in der Politik versuchte, die hohe Komplexität der Finanzprodukte vor 2009 zu durchleuchten und zu bewerten. Andersherum dasselbe Spiel: Für Banker in Frankfurt war die Kaste der Politiker eher eine lästige Truppe von Blockierern, auf die man mit einer ordentlichen Position Arroganz hinabblickte. Das Argument, man müsse weiter deregulieren, um im Weltmarkt mitzuhalten, erstickte jede sachliche Diskussion. Erfahrene Politiker wurden von 25-Jährigen in Handelssälen mit Spott übergossen. Diese gegenseitige Antipathie führte zu immer mehr Distanz, zu immer weniger Kommunikation, zu immer weniger Respekt und am Ende dazu, dass Kontrollinstanz und Marktteilnehmer ihren Rollen nicht mehr gerecht wurden.

Es ist nachvollziehbar, dass nach der Finanzkrise das Pendel in die andere Richtung ausschlug. Nicht dass man plötzlich Sympathie füreinander empfand, aber die Beschäftigung miteinander wurde mit einem Mal intensiv. Während der Krise war die öffentliche Hand als Retter gefragt und sie handelte. Wäre sie dabei anders vorgegangen, wenn man sich besser gekannt hätte? Es gibt zumindest zahlreiche Hinweise auf Misstrauen von Seiten der Politik gegenüber den Angaben der Banker, gegenüber ihren schönen Produkten wie auch den handelnden Personen selbst. Die Zeit nach der Krise hat auf jeden Fall zu einer umfassenden Neubewertung des Auftrags öffentlicher Kontrolle über die Finanzindustrie und zu mehr Regulierung geführt. Kein Stein ist seither auf dem anderen geblieben. Es wird nichts mehr bilanziert wie vor 2009, die Hebel der Aufseher sind um Dimensionen angewachsen, viele einst „erfolgreiche“ Produkte gibt es gar nicht mehr, die Dokumentation der Geschäfte ist mittlerweile präzise, zeitnah und umfassend, wie man es sich nie hätte vorstellen können, den Worten der Aufseher und Regulierer wird in den Banken gelauscht und sie werden interpretiert, das Risikomanagement beginnt plötzlich im Front Office, wo vor der Finanzkrise Leute saßen, die die Kollegen im Back-office nicht einmal kannten. Bankenregulierung ist in eine völlig neue Dimension angewachsen. Neue Behörden wurden gegründet, tausende Aufpasser für den Sektor eingestellt, in den Banken wurden Spiegeleinheiten gegründet und aufgebaut, die Kosten der Regulierung wachsen bis heute. Der hoheitliche Einfluss auf einen ganzen Wirtschaftszweig geht so weit, dass kein Vorstand, kein Aufsichtsrat ohne staatliche Genehmigung berufen werden kann. Das Verhältnis des Staats zu seinem Finanzsektor ist vollkommen neu definiert worden.

Und wenn die Corona-Krise in ihrem Ausmaß und ihren Mechanismen nur ansatzweise der Finanzkrise vergleichbar ist, dann wird nach der Bewältigung der akuten medizinischen Notlage ebenfalls ein Jahrzehnt kommen, in dem der öffentliche Sektor seine Rolle neu definiert und mächtiger wird, diesmal nicht nur bestimmten Branchen gegenüber wie Gesundheit und Pharma, sondern der gesamten Wirtschaft gegenüber.

Um den schnellen Herztod der Weltwirtschaft zu vermeiden, haben die meisten Staaten der Welt bis dahin unvorstellbare Stützungsprogramme in Gang gebracht, die allen betroffenen Bereichen der Wirtschaft Mittel zuführen sollen, als Kredite, als Zuschüsse und als Beteiligungen - soziale Marktwirtschaft hin oder her. Aber damit ist es ja nicht getan. Schon bald nach der Krise wird der Staat damit beginnen, sich diese Mittel teilweise zurückzuholen, zumindest aber ihre Nutzung zu überwachen. Wie immer das technisch geschieht, er wird damit unmittelbar Einfluss nehmen können auf die Willensbildung in den Unternehmen – mal mehr, mal weniger. Wenn die Stabilisierung der Wirtschaft erst einmal auf den Weg gebracht worden ist, dann wird der Staat seine Aufgabe in vielerlei Hinsicht neu definieren und seinen Einfluss auf die Privatwirtschaft deutlich ausbauen. Begründung für die über den Bail-out der Volkswirtschaft hinausgehenden Maßnahmen wird das Bemühen sein, für zukünftige Krisen besser gerüstet zu sein. Die Öffentlichkeit wird dieses staatliche Agieren nicht nur akzeptieren, sondern einfordern. In Krisenzeiten vertrauen die Bürger niemandem so sehr wie staatlichen Autoritäten und fordern von diesen Schutz und Sicherheit. Erinnern wir uns an die Pressekonferenz von Angela Merkel und Peer Steinbrück zu Anfang der Finanzkrise: Beide versprachen den Sparern, dass ihre Einlagen sicher seien - Schutz und Sicherheit durch den Staat. Und auch heute bemühen sich Politiker rund um den Globus, den Bevölkerungen klar zu machen, das nur ihr beherztes Handeln sie schützen kann. Angela Merkel und ihre Kollegen finden sich in guter Gesellschaft. Politik und Behörden werden alles tun, um dem Bedürfnis der Bevölkerung nach Sicherheit weiter zu genügen.

In Zeiten, in denen das Sozialleben auf das Nötigste reduziert ist, erwartet der Bürger in einem gut funktionierenden Gemeinwesen trotzdem, dass gewisse Funktionen der Daseinsfürsorge nach wie vor angeboten werden. Es ist bereits eine heftige Diskussion darüber im Gange, wer sich denn dem privilegierten Kreis derer zugehörig fühlen darf, die „systemrelevant“ genannt werden. Der Staat wird Wertungen vornehmen und bestimmte Branchen und Aufgaben privilegieren, andere benachteiligen. Interessanterweise pochen nicht nur Gesundheitswesen, Energie-Versorger, Richter, Polizisten, Lebensmittel- und Klopapier-Industrie auf diesen Titel, sondern auch Anwälte, Frisöre und viele andere.

Klar ist, es wird beschützt, beaufsichtigt, reguliert werden. Ideen gibt es schon viele. Systemrelevante Produkte sollen teilweise in Deutschland oder zumindest der EU hergestellt werden. Systemrelevante Branchen sollen dokumentieren, wie sie ihre Rohstoffe oder Systemteile beschaffen können und Planungen für Pandemien vorlegen, systemrelevante Firmen sollen ihre Eigentümer nicht ohne Genehmigungen wechseln können, systemrelevante Berufe sollen gefördert und besser bezahlt werden und in einer Mindestanzahl vorhanden sein. Private Sektoren, die nach ökonomischen Kriterien geleitet werden, werden sich mit weiteren Kriterien ihrer Relevanz auseinandersetzen müssen: private Krankhäuser mit vorzuhaltenden Intensivbetten beispielsweise. Um dies alles zu steuern, werden neue Aufsichtsbehörden und neue Kontrollmechanismen gegründet, neue Maßstäbe begründet werden, Zuständigkeiten sich ändern - „Macht“ wird sich verschieben. Ökonomische Grundregeln werden hier wie dort aufgegeben werden: unwirtschaftlich arbeitende Geschäftsbereiche mancher Unternehmen oder solche, die nach dem Willen der Eigentümer aus strategischen Gründen verkauft oder geschlossen werden sollten, müssen möglicherweise auf staatliches Geheiß weiterbestehen und Teil des Konzerns bleiben, da sie „systemrelevant“ sind. Die Staatsquote, die in der Bundesrepublik mit großen Anstrengungen über Jahrzehnte mühsam unter 45% gedrückt wurde, wird in kürzester Zeit die 50% deutlich überschreiten.

„Wie hoch muss der Autonomiegrad einer Volkswirtschaft sein?“ wird die Kernfrage für die Nach-Corona-Zeit werden. Sie wird weit in verschiedenste Branchen hinein gestellt werden, aber auch den Datenschutz herausfordern und nicht zuletzt Institutionen wie die Europäische Union, die WTO und die UNO in möglicherweise existentielle Krisen bringen, weil Einigkeit kaum erreichbar sein wird. Nationale Antworten werden vielfach nicht ausreichen, aber multilaterale kaum zu finden sein. Vermutlich sind damit nur die wenigsten der Veränderungen, die auf uns zukommen werden, angedeutet. Unsere Volkswirtschaft wird eine weitere systemische Veränderung leisten müssen. Sie wird das zweifellos tun – aber wie? Und vor allem: wer kann das alles umsetzen?

2. Öffentlicher und privater Sektor müssen sich aufeinander einlassen

Selbstverständlich werden sich jene Ideologen lautstark melden, die ohnehin einen übermächtigen Staat verlangen, der vermeintliche Ungleichheiten beseitigen und mehr staatliche Lenkung in der Wirtschaft durchsetzen soll. Diese Kräfte misstrauen den Regeln des Marktes und benutzen Fehlentwicklungen, um die Marktwirtschaft per se zu diskreditieren. Sie werden Forderungen stellen, die ideologischen Grabenkämpfe der Vergangenheit reaktivieren und unter einem neuen Vorzeichen Ziele ansteuern, die schon Patina haben. Um das gleich vorwegzunehmen: In der staatlichen Übernahme unternehmerischer Aufgaben werden wir die Lösungen, die die Corona-Krise von uns verlangt, nicht finden. In allen notwenigen Debatten über die richtigen Konsequenzen dürfen wir nicht das Kind mit dem Bade ausschütten und unser Wirtschaftssystem als solches in Frage stellen. Vielmehr gilt es, am Kernziel der Sozialen Marktwirtschaft festzuhalten: „Wohlstand für Alle“.

Anders als nach der Finanzkrise sitzt wegen des Ausbruchs der Corona-Pandemie niemand auf der Anklagebank. Fehler wurden gemacht, die es aufzuarbeiten gilt – sowohl auf staatlicher wie auch auf privater Seite. Großteils fallen diese jedoch in die Kategorie, wonach man hinterher ohnehin alles besser weiß. Die Konsequenzen der Krise betreffen trotzdem sowohl den öffentlichen Sektor als auch die private Wirtschaft. Beide müssen Beiträge leisten, um die richtigen Konsequenzen zu ziehen. Beide müssen Verzicht üben – vielleicht auf denkbare Umsätze und Gewinne, vielleicht auf Spielräume in öffentlichen Haushalten. Beide Sektoren müssen Prioritäten neu setzen und Einschränkungen in Kauf nehmen. Idealiter passiert das ohne Sieger und Verlierer, ohne Überraschungen für die eine oder andere Seite. Selten wird in einer Krise so klar wie in dieser, dass an ihrem Ende eine enge Zusammenarbeit Aller stehen muss, um das Land um für die Zukunft zu rüsten. Staat und Wirtschaft werden diese Krise gemeinsam bewältigen müssen.

Und wenn Staat und Wirtschaft gemeinsam sind, dann stellt sich unumgänglich die Frage von Selbstbild und Fremdbild, das die Entscheider im privaten und im öffentlichen Sektor definiert. Dann wird klar, wie wichtig gegenseitiges Verständnis und Methodenkompetenz über die Sektoren hinweg sind. Ein Zusammenspiel von Wirtschaft und Staat erfordert gegenseitigen Respekt, Transparenz und Verlässlichkeit. Wie kaum ein anderes Land pflegen wir in der Bundesrepublik die Abschottung der Sektoren. Karrieren in der Privatwirtschaft wie auch als Beamter sind noch heute möglich, ohne je den Weg des anderen zu kreuzen. Wo soll angesichts getrennt voneinander verlaufender Berufswege gegenseitiges Verständnis, Respekt oder gar ähnliche Methodenkompetenz jedoch herkommen? Ein häufigerer Wechsel von Managern zwischen Staat und Wirtschaft würde unserem Land helfen. Er würde das gegenseitige Verständnis schärfen und eine andere Gesprächskultur schaffen, er würde mehr Vertrauen entwickeln und dem Land Führungskräfte bescheren, die gemeinsam und im Zusammenspiel notwendige Veränderungen und Reformen sinnvoll und undogmatisch umzusetzen. Er würde dem Staat helfen, die Stärke in den Prozessen, die die Wirtschaft in den vergangenen 20 Jahren entwickelt hat, dort, wo es sinnvoll ist, zu übernehmen und den Bürgern wieder das Gefühl geben, Staat und Verwaltung „funktionierten“.

„Reisen bildet“ sagte man früher und wollte damit ausdrücken, dass man andere Kulturen dann erst wirklich zu verstehen vermag, wenn man die Bereitschaft zeigt, sie kennenzulernen. Dieses schlichte Motto scheint nur sehr reduziert zu gelten, was Privatsektor und Politik in Deutschland angeht. Statt die differenzierte Betrachtung zu pflegen, bleiben wir nur zu gerne an oberflächlichen Vorurteilen hängen und laben uns daran. Man fragt sich, wie gut es unserem Land gehen könnte, wenn der private und der öffentliche Sektor ihr gemeinsames Potential schon in der Vergangenheit mehr und besser ausgeschöpft hätten.

Bedeutet die Kritik an der typisch deutschen Trennung von Staat und Privatwirtschaft automatisch ein Plädoyer für das französische Modell einer verwachsenen und verschworenen Elite, die das Land und die Wirtschaft regiert? Oder zeigen die Mechanismen der Corona-Krisenbewältigung gar die Vorteile der vom Konfuzianismus geprägten Systeme? Man kann sich in der Tat in dieser Krise auch zu Recht die Frage nach Stärke und Schwäche eines US-Systems stellen, in dem staatliche und private Eliten gemeinsam ausgebildet werden und keine Scheu haben, hin und her zu wechseln. Alle diese Kooperations-Modelle haben lange Entwicklungslinien und eine eigene Geschichte hinter sich, die wir ohnehin nicht im Schnelldurchlauf nachholen könnten. Nicht alle würden in unserer weit entwickelten Demokratie Akzeptanz finden. Kein Modell schreit nach einer Kopie in Deutschland.

Was also kann unsere eigene Form einer neuen, fortentwickelten Kooperation zwischen Staat und Privatwirtschaft sein und wie kann sie aussehen? Beide Kraftzentren werden einen großen Schritt auf einander zugehen müssen. Wo bisher gegenseitige Akzeptanz war, da muss gegenseitiges Lernen entstehen, Lernen ohne Selbstaufgabe, Lernen mit Respekt vor den eigenen Grenzen und im Bewusstsein der gelernten Praxis unserer Sozialen Marktwirtschaft. Das Lernen des Staats von den unternehmerischen Fähigkeiten und der wirtschaftlichen Rationalität und Effizienz des Privatsektors wie auch das Lernen der privaten Wirtschaft von der Rolle, der Identität und der Motivation öffentlicher Funktionen – das kann der spezifisch deutsche Weg werden.

3. Was Manager in einer Post-Corona Welt auszeichnet

Es ist dringend nötig, dass die Beamten oder Politiker, die in Zukunft nicht nur auf die Volkswirtschaft, sondern auf Unternehmen, aktiv Einfluss nehmen, mehr als Grundkenntnisse des Managements beherrschen. Jedoch bleibt dieses Lernen des Staates von der Privatwirtschaft eine fortwährende Notwenigkeit und wenig systemverändernd. Vielmehr benötigen Staatsdiener in Zukunft mehr Offenheit und Kommunikationsfähigkeit gegenüber der Wirtschaft. Die gewollte Distanz der letzten Jahrzehnte passt nicht mehr in die beschriebene Post-Corona-Welt.

Genauso wichtig wird es sein, dass die Manager in den Unternehmen ein solides Verständnis entwickeln für die dem Verwaltungshandeln zugrunde liegenden Mechanismen: Grundzüge des öffentlichen Rechts, des Staatsrechts, des Verwaltungsrechts und vor allem der politischen und immer mehr der gesellschaftlichen Prozesse und ihrer Kommunikationsformen. Der Einfluss des Staates wird nun der zunehmenden Komplexität der Unternehmensführung eine weitere Facette hinzufügen, nachdem Manager in den vergangenen Jahren bereits durch Globalisierung, Auftauchen neuer Wettbewerber, technologische Entwicklungen, Digitalisierung, Veränderungen der Arbeitswelt und vieles mehr immer mehr aufgebürdet bekamen. Der lebenslang lernende Manager hat sich in den vergangenen Jahren eifrig bemüht, mit den zunehmenden Anforderungen mitzuhalten. Die Qualifikationen der Mehrheit „der Manager“ in der ganzen Welt haben gegenüber ihrer Vorgänger-Generation von vor 20 Jahren oder früher massiv zugenommen.

Es gibt ja auch Branchen, die schon lange den heißen Atem des Staates ganz nahe im Nacken spüren: Die Flugzeugindustrie, der Schienenfahrzeugbau, Pharma, die bereits erwähnte Finanzindustrie. Und deren Manager haben sich darauf eingestellt – mal besser, mal schlechter. Allein – so leicht wird es diesmal nicht sein. Wenn plötzlich Grundsätze der Sozialen Marktwirtschaft nicht mehr gelten, wenn der Staat nicht nur Unternehmen oder Branchen reguliert und fördert, sondern sie aktiv finanziert, teilweise zum Eigentümer wird, dann werden die Grenzen zwischen den Sektoren Politik und Verwaltung einerseits, „freie“ Wirtschaft anderseits, überschritten, bisweilen gar eingerissen. Ein weiterer Paradigmenwechsel?

Der Manager agiert in der Regel aus der abgeleiteten Autorität der Gesellschafter des Unternehmens. Diese konkretisiert sich in der Anleitung durch seinen Vorgesetzten – egal, in welchem Führungsstil. Die Interaktion mit Unternehmensführung und Gesellschaftern gibt ihm die wesentliche Orientierung bei seinem Handeln. Ziel seines Tuns ist wirtschaftlicher Erfolg. Dieser lässt sich in der Regel mit etwas Anstrengung klar definieren und messen. Das wird der neuen Zeit aber nicht mehr Genüge tun. Was es unter Managern künftig braucht, ist ein wirkliches Verständnis nicht nur der Technik, sondern vor allem anderen der Haltung, aus der heraus der Handelnde im öffentlichen Bereich, der Politiker, der Beamte, der Angestellte im Öffentlichen Dienst, agiert. Es geht nicht lediglich um Entscheidungsmechanismen, sondern um Wertvorstellungen, um Teilhabe, um den Respekt vor der Gesellschaft und ihren häufig schwer vorhersehbaren Reaktionen. Das Ende des „shareholder-value“ hat Larry Fink bereits angekündigt. Nun wird es jeden Manager erreichen.

Der Politiker in unserem Staatswesen ist laut Artikel 20 II Grundgesetz „dem Volk“ verpflichtet und um dessen Willen nachzukommen, muss er einen umfassenden Blick auf die Gesellschaft haben. Der Politiker agiert in hochkomplizierten Strukturen, in denen er nur etwas bewegen kann, wenn er sich dazu in Strukturen integriert und sie möglichst beeinflusst. Zudem haben Politiker gelernt, sich in hierarchiefreien Netzwerken zu bewegen. Ziel politischen Handelns in der Bundesrepublik ist zunächst der Ausgleich zwischen verschiedensten Kräften oder gesellschaftlichen Einheiten.

Die Unterschiede zum Handeln des Managers sind beachtlich. Zwar sind größere Unternehmen heute auch komplexe Organisationen, in denen man als Manager nur erfolgreich sein kann, wenn man ihre Dynamik versteht und sich Netzwerke zu Nutze macht. Aber die Polis ist doch viel komplexer als der komplexeste Weltkonzern. Und der Blick des Managers ist – solange er selbst noch nicht ganz oben angekommen ist – eher nach oben gerichtet. Netzwerke bestehen oft nur aus einer Handvoll von Leuten von Bedeutung, und in Konzernen reicht bisweilen der eine Mentor dazu, die Dinge nach vorne zu treiben und damit selbst Karriere zu machen. Zugegeben - viele Unternehmen sind schon auf dem Weg, dies zu ändern. Aber für die meisten es ist noch lange hin, bis sie wirklich in Netzwerken organisiert sind.

Die Zielorientierung, von Headhuntern für Industrie-Manager gerne als besondere Kompetenz hervorgehoben, erweist sich als gefährlich, wenn Ziele nicht mehr so eindeutig zu definieren sind. Hier haben viele, die Unternehmen führen, in der jüngsten Vergangenheit schon ihr Waterloo erlebt, als sie neu aufgetauchte Stakeholder und deren Zielsetzung übersahen. Nicht erst das Corona-Virus, sondern schon die Klima-Bewegung hat viele Unternehmen vor neue Herausforderungen gestellt. Von Unternehmen wird gesellschaftliche Verantwortung verlangt und die Unternehmen üben schon, sich darauf einzustellen. Als Stakeholder werden zunehmend nicht nur Gesellschafter, Mitarbeiter und Kunden genannt, sondern auch die Gesellschaft als solche. Seit Jahren arbeitet man an Corporate Social Responsibility. „Purpose“ ist das neue buzz word. Aber ist es wirklich in der Genetik des Managements angekommen?

Allzu oft fehlt das Verständnis dafür, was damit denn gemeint sein könnte. Wenn auf einen Aufschrei der Öffentlichkeit, kapitalstarke Konzerne dürften in Zeiten von Corona Mietzahlungen nicht aussetzen, von diesen Unternehmen reumütig geantwortet wird, man habe die Vorhaltungen vernommen und nehme diese ernst, dann ist das gut. Das Unternehmen bringt damit aber noch nicht zum Ausdruck, dass es den Vorwurf verstanden hat und dass es sein Handeln in Zukunft von anderen, ethisch-moralisch motivierten Motiven lenken lässt. Nach wie vor orientiert es sich am Ziel des wirtschaftlichen Erfolgs, nicht an gesellschaftlicher Verantwortung. Das wird in Zukunft nicht mehr ausreichen.

Auch Manager werden in Zukunft nicht umhinkommen, sich mit Inhalten gesellschaftlichen Denkens und gesellschaftlicher Interessen zu beschäftigen und Stellung zu beziehen. Und da reicht es nicht, nur zu tun, was die wahrgenommene Mehrheit oder öffentliche Meinung in dem Moment verlangt, z.B. eben doch Miete zu zahlen. Sie werden ihr Handeln politisch vertreten und nachvollziehbar leben müssen. Schließlich gilt es in Zukunft mehr als je zuvor, die Interessen der Unternehmen und ihre Bedeutung für die Gesellschaft bewusst zu machen. Unternehmen werden mögliche Übergriffe des Staates nur abwehren können, wenn sie sich offensiv mit ihrer Rolle in der Gesellschaft auseinandersetzen.

Manager werden Empathie für das Politische entwickeln müssen. Das ist für viele vollkommen neu, für viele zumindest in diesem Ausmaß. „Abzuwägen“ oder gar „auszugleichen“ hatten viele Business Schools aus ihrem Vokabular gestrichen. Der Blick der künftigen Management-Eliten muss jedoch weiter schweifen als nur nach oben oder nur in Richtung der Kunden oder der offensichtlichen Stakeholder. Denn Gefahren und Chancen werden vor allem aus bisher nicht beobachteten Richtungen kommen.

Zu lernen, was politisch-gesellschaftlich relevante Unternehmensführung in der Post-Corona-Ära bedeutet, darf also nicht nur heißen, umzusetzen, was ein starker Staat fordert, sondern muss bedeuten: verstehen, nachvollziehen, diskutieren und überzeugt vorzuleben. Ohne eine echte Haltung wird Management künftig nicht erfolgreich sein. Das sollte nach Corona jedem klar werden.